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Artikel kritisch lesen
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Autor: Dr. Susanna Schaffer

Kritisches Lesen von Forschungsarbeiten im EBN


„EBN bzw. Evidence – based Nursing ist die Nutzung der derzeit besten wissenschaftlich belegten Erfahrungen Dritter im Arbeitsbündnis zwischen einzigartigen Pflegebedürftigen und professionell Pflegenden“ (Behrens, Langer 2004, 21).

1 Einleitung

Pflegenden sollte es möglich sein, Forschungsberichte zu lesen und die Ergebnisse für die Praxis zu nützen. Dazu ist es notwendig, sich mit den Forschungsarbeiten konstruktiv-kritisch auseinander zu setzen. Es muss in diesem Zusammenhang daher auch darauf hingewiesen werden, dass nicht alle veröffentlichten Publikationen qualitativ hochwertig sind.
Weiters sollte beim kritischen Lesen die Frage wie viel Vertrauen der Arbeit bzw. deren Ergebnissen entgegengebracht werden kann, einfließen.
Das kritische Beurteilen von Forschungsarbeiten setzt von den Pflegenden gute Kenntnisse im Bereich des Forschungsprozesses sowie der wissenschaftlichen Methoden und Vorgangsweisen voraus.
Beim Lesen von Artikeln in Zeitschriften muss berücksichtigt werden, dass dies meist Zusammenfassungen einer an sich größeren Studie sind und daher in manchen Aspekten der Wert einer Forschungsarbeit schwer oder nicht korrekt zu beurteilen ist (vgl. Mayer 2003, 151).
Das kritische Lesen von Forschungsarbeiten ist notwendig, damit die Pflegepraxis auf seriöses Wissen bauen kann. Es muss angeführt werden, dass es selten perfekte Forschungsarbeiten gibt, dies bedeutet jedoch nicht, dass diese ohne Aussagekraft sind. Wenn kritisch gelesen wird, kann auch einer solchen Studie etwas abgewonnen werden und diese Erkenntnisse können nützlich für die Pflege sein (vgl. Mayer 2003, 153).
In den nachfolgenden Kapiteln wird auf das qualitative und das quantitative Forschungsdesign und die Beurteilungen der jeweiligen Studien eingegangen.

2 Kritische Beurteilung von Forschungsarbeiten

Das kritische Beurteilen von Studien stellt den 4. Schritt im EBN Prozess
[1] dar.
Mit der Einstellung, dass Forschung für die Pflegepraxis etwas leisten kann, grundlegenden Kenntnissen im Bereich der Pflegeforschung und den entsprechend formulierten Forschungsfragen kann dieser Schritt in Angriff genommen werden.
Für ein Pflegeproblem / eine Pflegefrage sollten mehrere zu beurteilende Studien im Volltext vorliegen. Es genügt nicht eine einzige Studie, um auf Grund deren Erkenntnisse eine Pflegepraxis verändern zu wollen. Weiters muss überlegt werden, ob die Ergebnisse aus der untersuchten Patientengruppe auf die gefragte Situation übertragbar sind.
Um Studien zu beurteilen, liegen unterschiedliche Beurteilungsbögen (abhängig von der Studie) vor (vgl. Behrens, Langer 2004, 105).
Da jedes Jahr viele Studien veröffentlicht werden, wäre es günstig, wenn genaue Parameter für die Güte einer Studie vorliegen würden. Es gibt solche, doch sind sie stark von Fragestellungen und Zweck abhängig. Laut Behrens (vgl. 2004, 107) gilt als oberste Regel für klinische Pflegeentscheidungen, wenn keine Laborforschungsergebnisse vorliegen, dass die quantitativen Untersuchungen in qualitative eingebettet sein müssen. Es gibt keinen für alle Handlungsprobleme geeigneten besten Studientyp, sondern es ist der im jeweiligen Handlungskontext geeignetste wichtig.
Daher ist es notwendig, in der Beurteilung von Pflegestudien, das jeweilige Forschungsdesign zu berücksichtigen.

2.1 Forschungsdesign

Darunter versteht man die Planung einer Forschung je nach Forschungsfrage. Nach verfügbaren Messinstrumenten wird das entsprechende Design ausgewählt.
Qualitativ wird unter anderem dann angewendet, wenn PatientInnen von gelebten Erfahrungen in Bezug auf eine Erkrankung berichten, quantitativ dann, wenn etwas mit Zahlen zu erheben ist (wie viele Personen sind von einer bestimmten Erkrankung betroffen).
EBN konzentriert sich auch darauf, ob das beste verfügbare Wissen auf eine Fragestellung aus der Praxis angewendet wurde und ob diese Fragestellung mit dem verwendeten Design optimal beantwortet wurde. Idealerweise geht eine qualitative Erhebung einer quantitativen voraus (vgl. Behrens, Langer 2004,110f).
Zusammenfassend lässt sich sagen, es gibt kein besseres oder schlechteres Untersuchungsdesign, sondern nur ein für die entsprechende Fragestellung aus der Pflegepraxis ein Geeignetes.

2.1.1 Qualitatives Forschungsdesign

Dieser Ansatz hat seine Wurzeln in den verstehenden wissenschaftstheoretischen Ansätzen wie im Interpretativismus, in der Phänomenologie und im symbolischen Interaktionismus. Der Mensch wird ganzheitlich als komplexes Wesen betrachtet. Die Wahrheit ist nicht wie in den Naturwissenschaften etwas Objektives, sondern etwas Subjektives (eine vom Subjekt ausgehende Beobachtung). Jeder Mensch nimmt Situationen und Dinge unterschiedlich wahr und interpretiert sie daher auch unterschiedlich – daher kann es keine objektive Wahrheit geben. Im qualitativen Forschungsdesign will man menschliches Erleben aus der Perspektive des Betroffenen wahrnehmen und verstehen.

Qualitative Forschung ist nicht theoriegeleitet, also induktiv[2], man bedient sich offener nicht standardisierter Methoden und wertet die Daten aus, indem man sie interpretiert. Eine Verallgemeinerung der Daten ist nicht das Ziel, sondern Ziel ist Theorien zu entwickeln.


Zu den qualitativen Methoden zählen:

Phänomenologie: ist die Lehre von den konkreten Erscheinungen, hier werden Dinge und Phänomene untersucht, wie sie erscheinen.
Grounded Theory: man möchte gesellschaftliche Prozesse (im Gegensatz zu Einzelphänomen) aus der Perspektive der menschlichen Interaktion untersuchen. Datensammlung und Datenauswertung werden einander abwechselnd durchgeführt.
Ethnografie: es werden kulturelle Gruppen oder Lebenswelten aus deren Sichtweise beschrieben.
Historische Methode: kann sowohl qualitativ wie auch quantitativ sein, im Zentrum stehen vergangene Ereignisse (vgl. Mayer 2003,65 – 68).
Biografische Verfahren: ist in der deutschsprachigen Pflegeforschung verbreitet und wird heute meist mit narrativen Interviews betrieben (vgl. Behrens, Langer 2004, 125).

2.1.1.1 Methoden der Datensammlung

Meist werden in nachstehender Abfolge - Handlungsprotokolle, Beobachtungen (teilnehmend, nichtteilnehmend), Interviews (Unterscheidungen auf Grund des Strukturierungsgrades[3], nach Typ des Interviews[4]) und Dokumentenanalysen (Aufzeichnungen aus Pflegedokumentationen, Tagebüchern, Notizen eines Teilnehmers, ua.) durchgeführt.
Auf Tonband / Video aufgezeichnete Interviews werden transkribiert und dann analysiert (vgl. Behrens / Langer 2004, 127f).

2.1.1.2 Methoden der Datenauswertung

Qualitative Daten können mit unterschiedlichen Methoden[5], abhängig von den Forschungsfragen und der Methode der Datensammlung, ausgewertet werden.

2.1.1.3 Allgemeine Beurteilungskriterien

Zuerst muss die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Studienergebnisse und danach, ob die Ergebnisse für die Pflege meiner PatientInnen / KlientInnen nützlich sind, gestellt werden.
Glaubwürdigkeit:

Nutzen für die eigenen PatientInnen:

2.1.1.4 Einzelfragenbeurteilung

Auch in qualitativen Studien gilt es zu beschreiben, wie die Auswahl der Probanden erfolgte. Weitere Beurteilungskriterien werden angeführt (vgl. Behrens, Langer 2004, 131 – 134):

2.1.2 Quantitatives Forschungsdesign

Die Wurzeln der quantitativen Forschung liegen im Positivismus und im kritischen Realismus. Menschen unterscheiden sich auf Grund biologischer, psychologischer und sozialer Merkmale. Man geht davon aus, dass die Wahrheit objektive Wirklichkeit ist, die gemessen werden kann und mit den Sinnen erfassbar ist.
Ziel der quantitativen Forschung ist, theoretische Annahmen deduktiv[7] zu prüfen. Es geht darum allgemeine Aussagen zu machen und daraus Gesetzmäßigkeiten ableiten (vgl. Mayer 2003, 64).

Wie im qualitativen Studiendesign, gibt es auch im quantitativen verschiedene Designs der Datensammlung und Datenauswertung.

2.1.2.1 Randomisierte kontrollierte Studien (RCT)

Diese Studien sind experimentelle Studien, die Teilnehmer werden durch Zufall[8] ausgewählt und so der Interventionsgruppe und Kontrollgruppe zugeteilt (jeder hat die gleiche Chance in jede Gruppe zu kommen). ForscherInnen beurteilen dann, ob ein bestimmtes Ereignis in einer Gruppe häufiger auftritt als in der anderen Gruppe.
Verblindung des Untersuchers: Untersucher weiß nicht, ob ein Teilnehmer eine Intervention erhält oder nicht.
Doppelblindstudie: Verblindung von Teilnehmer und Untersucher (fast alle beeinflussenden Faktoren sind ausgeschaltet, dies ist auch der Goldstandard für Interventionsstudien. Die Datensammlung erfolgt von der Exposition zum Ereignis. (vgl. Behrens, Langer 2004, 135f).

2 1.2.2 Kontrollierte klinische Studien

Merkmale die untersucht werden sollten, sind in der Interventionsgruppe schon vorhanden, die Kontrollgruppe wird aus möglichst „ähnlichen“ Individuen zusammengestellt, eine Verblindung ist daher oft sehr schwierig.

2.1.2.1.3 Querschnittsstudie

Bei einer Gruppe ausgewählter Individuen werden bestimmte Merkmale zum gleichen Zeitpunkt untersucht. Diese Studien sind kostengünstig, da sie kein Follow – Up benötigen. Diese Studien sind nicht geeignet, wenn es darum geht Ursachen und die Auswirkungen zu erheben (vgl. Behrens, Langer 2004, 139).

2.1.2.1.4 Meta-Analysen und systematische Übersichtsarbeiten

Diese bieten eine relativ objektive Übersicht zum Forschungsstand in einem speziellen Gebiet. Auf Grund der Stichprobengröße sind die Schlussfolgerungen präziser. Die daraus resultierenden unterschiedlichen Ergebnisse und Studien können zu neuen Hypothesen führen (vgl. Behrens, Langer 2004, 148).

2.1.3 Interventionsstudien

Interventionsstudien sind oft in der Pflege angewendete Studien.
Nachfolgend sollten wichtige Begriffe aus der Statistik und Beurteilungen von Interventionsstudien besprochen werden.

2.1.31 Beurteilungen von Interventionsstudien

Anhand verschiedener Bewertungsbögen / Checklisten ist es möglich Interventionsstudien zu beurteilen.
Grundlagen der Bewertung sind:

Gesamtbeurteilung der Glaubwürdigkeit der Studie (vgl. Behrens, Langer 2004, 163 – 167).


2.1.3.2 Begriffsklärungen


2.1.4 Diagnosestudien

Die nächsthäufigsten Studien im Gesundheitsbereich sind Diagnosestudien, sowohl in der Diagnostik wie im Screening.
Um diagnostische Tests zu überprüfen, werden Pflegebedürftige die ein bestimmtes Merkmal, welches mit dem Test erfasst werden soll, aufweisen ausgewählt. Man führt bei diesen Individuen sowohl den neuen Test und auch den als am zuverlässigsten beschriebenen Test (Goldstandard) zum Vergleich durch.
Beide Tests werden unabhängig voneinander ausgewertet (vgl. Behrens, Langer 2004, 168 – 169).

2.1.4.1 Beurteilung von Diagnosestudien

Auch für diese Studien liegen Checklisten vor.


2.1.4.2 Statistische Werte und Begriffe


2.1.5 Meta-Analysen und Systematische Übersichtsarbeiten

Eine Übersichtsarbeit oder Review enthält den Stand der Forschung auf einem speziellen Gebiet, ohne Ein- und Ausschlusskriterien.
Eine Systematische Übersichtsarbeit wählt streng nach festgelegten Methoden Beiträge / Studien ausgewählt, daher sind dort nur Studien bestimmter Qualität enthalten. Daher sollte zuerst immer nach einer Übersichtsarbeit gesucht werden – es verkürzt, wenn eine zum gesuchten Thema vorhanden ist, den Schritt der Suche und der Beurteilung von Einzelstudien (vgl. Behrens, Langer 2004, 195).

2.1.5.1 Beurteilung einer Systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse

Auch für diese Studien gibt es unterschiedliche Bewertungsbögen[9], welche teilweise modifiziert und angepasst wurden.

Diese Kriterien müssen einzeln genau durchgegangen und einer Bewertung zugeführt werden.

2.1.5.2 Statistiken in Systematischen Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen

3 Literaturverzeichnis

Behrens, Johann; Langer, Gero (2004): Evidence-based Nursing. Vertrauensbildende Entzauberung der Wissenschaft. Bern / Göttingen / Toronto / Seattle.

Mayer, Hanna (2003): Pflegeforschung. Elemente und Basiswissen. Wien.

Schwarz, Waltraud (2004): Legende zur kritischen Bewertung von Studien. Lehrunterlage. Wien.




[1] Schritt 1: Aufgabenklärung, Schritt 2: Probleme formulieren, 3: Literaturrecherche, Schritt 4: Kritische Beurteilung von Studien, Schritt 5: Veränderung der Praxis, Schritt 6: Evaluation von Wirkungsketten – Qualitätsmanagement und EBN (vgl. Behrens / Langer 2004)
[2] Induktiv bedeutet ein Schlussfolgern vom Besonderen zum Allgemeinen
[3] in der qualitativen Forschung nicht strukturierte und semistrukturierte Interviews
[4] narratives, fokussiertes, problemzentriertes und Tiefeninterview
[5] auf Grund der Vielfältigkeit an Auswertungsmöglichkeiten sollte in entsprechender Literatur nachgelesen werden: Mayring, Philipp 1990: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim.
Mayring, Philipp 1990: Einführung in die qualitative Sozialforschung. München.
Friebertshäuser, Barbara; Prengel, Annedore (Hrsg.) 1997: Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim und München.
Lamnek, Siegfried 1995: Qualitative Sozialforschung. Methodologie. Band 1 – Methoden und Techniken. Band 2. München / Weinheim.
[6] Zustand bei der Auswertung von qualitativen Daten, indem durch die Analyse von neuen Daten keine weiteren Ergänzungen und Erkenntnisse erlangt werden (Behrens, Langer 2004, 249).
[7] Schlussfolgern vom Allgemeinen zum Besonderen
[8] Randomisierung bewirkt eine gleichmäßige Verteilung von bekannten und unbekannten Einflussgrößen (vgl. Behrens, Langer 2004, 136).
[9] Vgl. Oxman et al. 1994, Brown 1999, Sackett et al. 2000)
[10] Darstellung einer Meta-Analyse (vgl. Behrens, Langer 2004, 200)

 

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 Letzte Änderung: 04.02.2016

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